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Donnerstag, 15. Oktober 2009

Krimi-Tatort Herne:
Mit der richtigen Idee zum großen Geld

Revierkrimi-Sammlung bietet spannende Unterhaltung

»Mein Gott, war das schwer, an anderer Leute Geld zu kommen!«, heißt es in der Kriminalstory »Hartz 9 mm« von F.K. Klimmek. »Besonders hier in Herne!«

Aber dann hat der Held in der Story des Herner Autors doch noch eine Erleuchtung: »Mir kam die große Geldidee in meiner Stammkneipe »Schaun ma mal« auf der Unser-Fritz-Straße.«
Wie es weitergeht und ob die Geschichte womöglich mit einem Mord endet, ist nachzulesen in dem mit viel Sinn fürs Lokalkolorit erzählten Herne-Krimi von F.K. Klimmek aus der aktuellen Sammlung von Ruhrgebietskrimis mit dem beziehungsreichen Titel »Hängen im Schacht«, die von Herausgeber H.P. Karr zusammengestellt wurde.

Die neue Ruhrgebietskrimi-Sammlung vereinigt zwei Dutzend spannende, unterhaltsame und gelegentlich auch skurril-komische Kriminalgeschichten von ausgewiesenen Profis der mörderisch guten Unterhaltung. Anfangen von Krimi-Altmeister Jacques Berndorf bis hin Edda und Lotte Minck, den aktuellen Stars des Revierkrimis geben sich hier alle Autoren und Autorinnen ein Stelldichein, die in der Revierkrimi-Szene etwas zu sagen haben. Angeheuert wurden sie zum »Hängen im Schacht« von Herausgeber H.P. Karr.

»Wenn es nicht mehr weitergeht, wenn der Fahrkorb feststeckt und man sich unverschuldet in einer ausweglosen Situation befindet - dann ist eben 'Hängen im Schacht'«, erklärt H.P. Karr. »Und dann liegen sofort Mord und Totschlag in der Luft - die perfekte Ausgangssituation für eine Kriminalgeschichte.«

Herausgekommen dabei ein »Mordsbrevier fürs Mordsrevier«, das für den Krimifreund etwas bietet - Mordgeschichten von hart bis zart und natürlich auch Stories, in denen der revier-typische Humor zum Zuge kommt, der den Ruhrgebietskrimi so populär gemacht hat - wie die Geschichte von F.K. Klimmek beweist.



H.P. Karr (Hg)
Hängen im Schacht
Das Mordsbrevier fürs Mordsrevier
KBV-Verlag, 260 Seiten
ISBN 978-3-940077-67-7

Montag, 14. September 2009

Tatjana Kruse:
Plönzke und Eberfeld: Die Bochum-Cops
Episode 423: Wattenscheider Wahn

Tatort: Bochum-Wattenscheid

Bochum-Wattenscheid, Dienstag, 8 Uhr 32
Vor einem Mehrfamilienhaus am August-Bebel-Platz in Wattenscheid fährt der Chemiker Luzius Weigand, 33, mit seinem bordeauxfarbenen VW Passat rückwärts aus seiner Garage. Gleich darauf rollt der Wagen über eine vor der Ausfahrt ausgelegte Nagelkette. Lautes Zischen. Weigand hält an. In diesem Moment stürzen drei Männer mit Strumpfmasken auf das Auto zu, reißen die Fahrertür auf, zerren Weigand heraus und stoßen ihn in einen seit drei Tagen als gestohlen gemeldeten Renault Kangoo mit Duisburger Kennzeichen. Der Vorfall wird von zwei Anwohnern beobachtet, von denen einer mittels Handy sofort die Polizei verständigt, die keine fünf Minuten später mit einem Streifenwagen vor Ort ist.

Wattenscheid - Wohnung Weigand, Dienstag, 9 Uhr 43
»Ich war nur kurz einkaufen. Brot, Butter …" Irmgard Weigand, 32, steht unter Schock. Sie ist eine blutjunge Rothaarige mit süßen Sommersprossen, wie Hauptkommissar Plönzke von der Kriminalwache der Bochumer Polizei findet. Er hält ihre Hand. Sie ist eiskalt.
»Hat Ihr Mann Feinde? Wurde er bedroht? Ist Ihnen in letzter Zeit etwas Verdächtiges aufgefallen?«
Das sind zu viele Fragen für Frau Weigand, die im Moment schon sichtlich damit überfordert ist, in der richtigen Reihenfolge ein- und auszuatmen.
»Kopf zwischen die Beine«, rät Kommissarin Jutta Eberfeld, die in diesem Moment das Wohnzimmer der Weigands betritt, nachdem sie sich zuvor ein wenig umgesehen hat. Eine schöne, aber übersichtliche Drei-Zimmer-Wohnung in mittlerer Ausstattung, allerdings mit Terrasse und gemauertem Grill. Die Einrichtung zu gleichen Teilen von IKEA und vom Flohmarkt. So wohnen Menschen, die eben ihr Studium abgeschlossen haben, aber noch nicht genug Geld verdienen konnten, um sich etwas Besseres zu leisten.
»Mein Mann hat keine Feinde.« Frau Weigands Stimme tönt nasal zwischen ihren Knien hervor. »Aber gestern Abend hat er zu mir gesagt, er habe den Durchbruch geschafft. Ich wette, die Konkurrenz hat ihn entführt, um an seine Forschungsergebnisse zu kommen!«

weiter in: Hängen im Schacht

weitere Stories auch Bochum:
Henrike Heiland: Bullets over Bochum
Volker W. Degener: An diesem Montag kam er nicht
Jürgen Banscherus: Kalt
Wolfgang Kemmer: Rheingold


Die Autorin:
Tatjana Kruse, Jahrgang 1960, ist in Schwäbisch Hall aufgewachsen, wo sie heute, nach einigen Jahren in Stuttgart, wieder lebt. Seit 1995 veröffentlicht sie Kriminalromane und Sachbücher und arbeitet als Literaturübersetzerin. Zuletzt erschienen von ihr die Krimis »Nur ein toter Maler ist ein guter Maler« und »Kreuzstich, Bienenstich, Herzstich«

Dienstag, 1. September 2009

Mischa Bach:
Asphaltgeflüster

Tatort: Essen Innenstadt, Westviertel

Asphaltgeflüster – was hören Sie, wenn Sie »Asphaltgeflüster« hören? Ich höre nichts. Ich höre nie etwas. Ich bin Antiton. Das bedeutet mein Gebärdenname: Die Hand, aufrecht bis auf den um 90 Grad abgewinkelten Mittelfinger, schnellt Richtung Ohr, um sich anschließend mit ausgestrecktem Zeigefinger genauso rasch wieder von diesem meinem toten Organ zu entfernen.
Asphaltgeflüster – für mich hat das etwas Magisches und es kann vielerlei bedeuten: Manchmal ist es das metallische Flirren heißer Luft über der sommerlichen Fahrbahn oder der Tanz der Blätter im Herbst, die der Wind vor sich her treibt. Dann wieder ist es die Vibration der Autos, Motorräder und Lastwagen, die über eine Straße donnern, auf der ich als Kind am liebsten mit nackten Füßen stand.
Ich weiß nicht, wie sich das Wort anhört und ich habe in keinem Gebärdenlexikon einen Hinweis gefunden, wie es zu gebärden ist. Meine eigene Gebärde variiert – mal ist es eine Straße, dann wieder eine gerade Fläche, die von mir wegführt, bevor meine Fingerspitzen trippelnd, tanzend, wie kleine Wellen zurück zu mir kommen.
In welcher Form auch immer - Dante fand, das passe exakt zu der dritten Bedeutung, die Asphaltgeflüster für ihn wie für mich hat: nämlich die Botschaften der Straße selbst. Wenn du auf der Straße lebst, hör ihr zu, schau hin, sei aufmerksam. Sie führt dich zu sicheren Schlafplätzen und warnt dich vor Gefahren. Wenn du bereit bist für die Botschaften, die dir der Asphalt zuflüstert.
Als ich Dante zum ersten Mal begegnete, war ich taub und blind für Botschaften aller Art. Ich war 17, wusste nicht, wohin mit mir und war so auf der Straße gelandet. Verrückte Ironie des Schicksals – meine Mutter, gehörlos wie ich selbst, war Opfer eines Verkehrsunfalls geworden. Ein Lkw geriet auf einer Brücke außer Kontrolle, Sand verschmierte die Fahrbahn. Der Fahrer konnte die Zugmaschine abfangen, der Hänger jedoch löste sich, knickte das Geländer um wie nichts und stürzte auf den Fußgängerweg darunter. Meine Mutter hatte keine Chance.
Bis zu diesem Tag, siebzehn Jahre lang, hatte ich allein mit ihr gelebt. Es gab niemand sonst, keinen Vater, keine Großeltern, Tanten oder Onkel. Die paar entfernten Verwandten, die mit uns »Taubstummen« nichts zu schaffen haben wollten, zählten nicht. Mutter und ich hatten einander, und wir kamen prima zurecht. Sicher, es gab auch Streit. Gerade in der letzten Zeit, denn sie hatte gewollt, dass ich im Sommer nach Essen ging, an die Kollegschule in Frohnhausen, um Abitur zu machen. An sich war das richtig gedacht - es ist sonst nahezu unmöglich, in Gebärdensprache bis zum Abitur Unterricht zu erhalten – aber ich wollte nun mal nicht ins Internat.

weiter in: Hängen im Schacht

Die Autorin:
Mischa Bach
, geboren in Neuwied, lebt seit mehr als zehn Jahren in Essen. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Filmwissenschaften und schrieb Drehbücher unter anderem für »Polizeiruf 110«. Ihre Kriminalnovelle »Der Tod ist ein langer, trüber Fluss« brachte ihr 2005 eine Nominierung für den Friedrich Glauser-Preis in der Debut-Sparte ein, nachdem das Manuskript 2001 schon mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet worden war. Nach zahlreichen Kurzgeschichtenvon denen »Vollmond«" wurde für den Friedrich Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi nominiert wurde, erschien 2006 ihr zweites Buch »Stimmengewirr«. Diesmal hatte sie nicht nur den Text geschrieben, sondern auch das Bild für das Cover geliefert, denn die Malerei gehört ebenfalls zu ihren zahlreichen künstlerischen Aktivitäten. Zuletzt veröffentlichte sie den Kriminalroman »Rattes Gift« (2009).

Volker König:
Kirchgang

Tatort: Bottrop

»Ich habe doch alle Lichter gelöscht, Kätchen?«
Natürlich hat er das, obwohl ihr gerade heute nicht danach zumute war; sie hätte lieber den Lichterbogen im Fenster leuchten lassen, denn dann konnten die Nachbarn zumindest glauben, dass ihre Wohnung auch heute belebt ist.
Wenn er sie doch nicht immer Kätchen nennen würde. Sie fühlt sich dann klein, weil auch ihre Mutter sie so genannt hatte. Löwen werden zu Kätzchen, wenn man es ihnen nur oft genug sagt. Dabei weiß sie, dass er eigentlich nicht sie meint. Er sagt es, weil er glaubt, es gehöre dazu.
»Ich finde, so ein Spaziergang nach fettem Essen tut gut.«
Er liebt fettes Essen. Die Gans, für die sie stundenlang in der Küche gestanden hatte, hatte er sich in seinen breiten Mund geschaufelt. Ohne ein Wort, ohne eine Geste, nur gierig, dazu mit einem Auge beim Fernseher, der ihnen Weihnachtsklänge in die Stube trug. Auch die liebt er. Weihnachtsklänge. Weiß der Himmel warum ausgerechnet die.
Danach seine Leberkapseln, die sie wie immer für ihn bereitgehalten hat. Auch die hatte er gierig und hastig hineingeworfen. Ohne die würde er das fette Essen nicht vertragen. Ohne die würde sein Blutdruck zu stark ansteigen. Ohne die würde er gar nicht mehr leben.
Sie zieht sich den Schal enger um den Hals und vergräbt ihre Hände samt Handschuhen in den Manteltaschen. So folgt sie ihm, etwas versetzt, mit ein wenig Abstand, mühsam.
Denn er schreitet kräftig aus, macht viel größere Schritte als sie und merkt so nicht, wie sie zurückfällt. Bald wird er irgendwo stehen bleiben, dann kann sie aufschließen, aber darauf wartet er nicht. Er läuft immer schon weiter, wenn sie ihn fast erreicht hat.
Es kommt ihr oft vor, als sei er ein großer Hund, der seinem Herrchen vorausläuft, bis er etwas Interessantes gefunden hat, um es zu beschnuppern. Aber sie ist nicht sein Herrchen. Sie ist nur seine Frau. Für ihn ist sie der Hund.

weiter in: Hängen im Schacht

Der Autor: Volker König, geboren 1965 in Dortmund, ist Diplom-Biologe und Autor. 2007 veröffentlichte er mit »Tantenfieber« die spannende und skurrile Geschichte eines extrem kurzsichtigen Spießers, sowie seinen Erzählband »Dicke Enden«. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Die Farbe des Kraken« (2009).